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Vom erweiterten Funktionalismus zur Theorie der Produktsprache: ein Rückblick

Interview mit Prof. Jochen Gros
Datum:  Dienstag, 14.07.2009
Ort: Restaurant im Park des Museum für angewandte Kunst

Jochen Gros (*1944 in Neuhof/Taunusstein) ist ein deutscher Designtheoretiker und Produktdesigner. Er formulierte Anfang der 1970er Jahre eine Dialektik der Gestaltung und in der Folge einen Ansatz zum Erweiterten Funktionalismus. An der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main wirkte er ab Mitte der 1970er Jahre maßgeblich an der Entwicklung einer Theorie der Produktsprache (Offenbacher Ansatz) mit. Seit 1990 gilt sein Interesse der Theorie und Gestaltung einer piktographischen Zeichensprache (Icon-Language).

Im Rahmen des Dissertationsprojektes wurde Jochen Gros im Sommer 2009 von Thilo Schwer interviewt. Schwerpunkt des Interviews ist sein Studium am IUP Ulm und der HfBK Braunschweig sowie die Entwicklung der Theorie der Produktsprache an der HfG Offenbach am Main.

Auszug aus dem Interview:
TS: Im Schmutztitel des Heftes “Einführung“ der Reihe „Grundlagen einer Theorie der Produktsprache“ (1) schreiben Sie, dass Theorie zur damaligen Zeit nicht angesagt war. Hat sich das Interesse an Theorie in den Folgejahren verändert?
JG: Ja, es hat sich erst einmal deutlich verstärkt. Danach hat das Interesse an Theorie aber immer wieder gependelt, vielfach sogar zwischen Überschätzung und Ignoranz. Solche extremen Schwankungen könnten jetzt aber vielleicht abflachen, wenn mit den Dissertationsstudiengängen das Ganze auf eine solidere und breitere Basis gestellt wird.

TS: Und auch in eine kontinuierlichere Form überführt wird?
JG: Richtig: In den letzten Jahrzehnten hat ständig jemand eine neue Baustelle aufgemacht und einen neuen theoretischen „Ansatz“ erfunden. Meist aus immer neuen Nachbardisziplinen heraus. Da gab es dann große Erwartungen, aber nach einer gewissen Zeit war man doch wieder enttäuscht. Vor allem, weil die wissenschaftliche Basis gefehlt hat, um solche Ansätze auch auszuarbeiten. So sind auf den Baustellen nie wirkliche Theoriegebäude hochgezogen worden, die dann auch hinsichtlich ihrer Praxistauglichkeit hätten konkurrieren können.

TS: Diese Schwankungen hatten also eher mit der Theorie selbst zu tun und weniger mit den allgemeinen Umständen. Wie ist das zum Beispiel jetzt, wo die wirtschaftliche Entwicklung stagniert. Macht man sich nicht gerade in solchen Zeiten Gedanken, in welche Richtung es weitergehen kann?
JG: Für die Bereitschaft über Design nachzudenken, bzw. für den Bedarf an Designtheorie gibt es immer komplexe und zweifellos auch zeitbedingte Hintergründe. Wenn ich zum Beispiel an den Beginn meiner Arbeiten zur Produktsprache denke, da war es zu Anfang der 1970er Jahre einfach an der Zeit, die längst überholten Dogmen und Tabus des Funktionalismus infrage zu stellen. Trotzdem war sogar noch ein gewisser Mut erforderlich, um über die praktischen Funktionen hinaus im Designprozess z.B. auch Emotionen, individualisierende Symbole, oder gar sexy Anmutungen anzusprechen. Erst als die Funktionalismuskritik gar nicht mehr zu unterbinden war, gab es auch einen gesteigerten Bedarf dafür, sich mit ihren theoretischen Hintergründen und Perspektiven genauer auseinanderzusetzen.
(…)

Literatur:
(1) Gros, Jochen (1987) Grundlagen einer Theorie der Produktsprache. Schriftenreihe des Fachbereichs Produktgestaltung der Hochschule für Gestaltung Offenbach a.M / Einführung: BD 1. Hochschule für Gestaltung, Offenbach am Main.

Jochen Gros im web

© Thilo Schwer 2009

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Datum: Donnerstag, 7. Oktober 2010 12:21
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